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Die Geschichte des Solitärs: vom Fürstenhof bis zur Handy-App

Solitär ist rund 240 Jahre alt. So kam ein stilles europäisches Kartenspiel von einer deutschen Spielesammlung aus dem Jahr 1783 in viktorianische Salons, auf Windows 3.0 und auf das Handy in deiner Hand.

Solitär taucht 1783 in Deutschland zum ersten Mal gedruckt auf, wurde ab etwa 1870 in englischen Regelbüchern gesammelt, erschien 1907 in einer Ausgabe von Hoyle unter dem Namen Klondike und erreichte 1990 die ganze Welt, als Microsoft es mit Windows 3.0 auslieferte. Das ist die Kurzfassung. Die lange Fassung ist spannender, denn bei jedem Schritt verbreitete sich das Spiel aus einem anderen Grund: zuerst neben Legesystemen zum Wahrsagen, dann als anständige Unterhaltung im Salon und schließlich als Mittel, Menschen den Umgang mit der Maus beizubringen.

Illustration der Geschichte des Solitärs, von Karten bei Kerzenlicht über einen Desktop-Computer bis zum Handy

Die Ursprünge des Solitärs: Europa im 18. Jahrhundert

Wo genau Solitär entstand, weiß niemand, aber die Quellen deuten auf Deutschland und Skandinavien. Laut der Wikipedia-Geschichte der Patiencen steht die früheste bekannte Beschreibung in der Ausgabe von 1783 einer deutschen Spielesammlung, Das neue Königliche L'Hombre-Spiel. Bücher in Schweden und Russland folgten Anfang der 1800er-Jahre. Das erste Buch, das sich ausschließlich Patiencen widmete, erschien 1826 in Russland. Auf Französisch heißen die Spiele réussite, „Erfolg“, und auf Englisch Patience, ein Wort, das sowohl das Tempo des Spiels beschreibt als auch das Temperament, das es verlangt.

Der Zeitpunkt deutet auf eine Verbindung zum Wahrsagen hin. Gedruckt erwähnt wird Patience zum ersten Mal kurz nachdem um 1765 kartomantische Legesysteme entstanden, also Kartenauslagen, mit denen man die Zukunft deutete. Der dänische und norwegische Name des Spiels, kabal, weist in dieselbe Richtung, und eine 1895 beschriebene Variante diente ausschließlich dem Wahrsagen. Nichts davon beweist, dass die Spiele aus der Kartomantie hervorgingen, aber beide lagen zur selben Zeit auf denselben Tischen aus.

Einer beliebten Geschichte zufolge spielte Napoleon Bonaparte im Exil auf St. Helena Patiencen, und mehrere Spiele tragen seinen Namen, etwa Napoleon at St Helena. Ob das stimmt, lässt sich kaum überprüfen: Die Geschichte wird weit öfter erzählt als belegt. Die Namen verraten mehr darüber, was sich nach Ansicht der Verleger gut verkaufte, als über Napoleon.

Solitär im viktorianischen England und im Druck

Im 19. Jahrhundert wurde aus der europäischen Kuriosität ein verbreitetes Salonspiel. Im viktorianischen England galt Patience als ruhiger, anständiger Zeitvertreib, den eine Person allein zu Hause spielen konnte, und aus dieser Zeit stammen die ersten Bücher darüber in englischer Sprache.

Lady Adelaide Cadogans Illustrated Games of Patience, erschienen um 1870, gilt oft als erste englische Sammlung. Mary Whitmore Jones, laut Wikipedia die produktivste und originellste Autorin zu diesem Thema, veröffentlichte ihr erstes Buch 1888 und hatte bis 1911 rund 250 Spiele beschrieben. Henry Jones veröffentlichte 1890 unter dem Pseudonym Cavendish das Buch Patience.

Gedruckte Regeln waren wichtig. Sobald ein Spiel mit Namen aufgeschrieben war, konnten Spieler in verschiedenen Städten dasselbe Spiel spielen, über dieselben Regeln streiten und eigene, benannte Varianten erfinden.

Solitär überquert den Atlantik

Nach Amerika kam das Spiel auf demselben Weg. Das früheste amerikanische Buch, Ednah Cheneys Patience: A Series of Games with Cards, erschien 1869, ein Jahr vor dem von Cadogan, und 1870 ließ Cheney einen Band mit dreißig Spielen folgen.

Die Variante, die heute fast überall einfach „Solitär“ heißt, ist Klondike. Laut dem Wikipedia-Artikel über Klondike stehen die frühesten bekannten Regeln in der Ausgabe von 1907 von Hoyle's Games, unter dem Namen Seven-Card Klondike. Manche Autoren bringen den Namen mit dem Klondike-Goldrausch der späten 1890er-Jahre im kanadischen Yukon in Verbindung. Zeitlich passt das, aber niemand hat einen Beleg dafür gefunden, und woher der Name stammt, ist unbekannt.

Wie auch immer es zu seinem Namen kam: Klondike passte zu seinem Jahrhundert. Es braucht keinen Gegner und keine Ausrüstung außer einem Kartenspiel.

Die digitale Revolution: Microsoft Solitaire (1990)

Der wichtigste Moment in der Geschichte des Solitärs kam 1990, als Microsoft es in Windows 3.0 aufnahm. Microsoft Solitaire wurde im Sommer 1988 von Wes Cherry als Praktikant programmiert, mit einem Kartendesign von Susan Kare, die schon die ursprünglichen Macintosh-Icons gestaltet hatte. Microsoft wollte damit Menschen beruhigen, die das neue Betriebssystem einschüchterte, und beim Ziehen der Karten lernten sie Drag-and-Drop mit der Maus.

Das funktionierte besser als geplant. Nach Microsofts eigenen Nutzungsdaten gehörte Solitär zu den drei meistgenutzten Windows-Programmen, FreeCell lag auf Platz sieben, noch vor Word und Excel. Büroangestellte spielten es zwischen zwei Aufgaben, und ein Spiel, das zwei Jahrhunderte gebraucht hatte, um sich in Europa auszubreiten, war nun auf jedem Windows-PC vorinstalliert.

Immer mehr Solitär-Varianten im digitalen Zeitalter

Der Erfolg von Klondike öffnete anderen Varianten die Tür. FreeCell erschien 1991 zuerst im Microsoft Entertainment Pack Volume 2 und wurde mit Windows 95 Teil von Windows selbst. Alle Karten liegen offen, und fast jede Runde ist gewinnbar, was dem Spiel eine treue Anhängerschaft einbrachte. Spider-Solitär kam 1998 im Paket Microsoft Plus! für Windows 98, mit zwei Decks und Farbfolgen für alle, die ein schwereres Spiel wollten.

Danach brachten Entwickler Pyramide, Golf, Yukon und Dutzende weitere als Freeware und kommerzielle Software heraus. TriPeaks wurde 1989 von Robert Hogue erfunden und erschien im Microsoft Entertainment Pack 3. Aus Solitär war ein Genre geworden, nicht mehr nur ein Spiel. Unser Ratgeber Solitär-Arten: 10 Varianten erklärt, wie sich die wichtigsten unterscheiden.

Die mobile Revolution: Solitär für die Hosentasche

Für die ersten Handhelds und Tastenhandys lag Solitär auf der Hand: Ein Spiel, das nur ein paar Tasten und keinen Gegner braucht, funktionierte auch auf einem kleinen Bildschirm.

Der Start des App Store von Apple im Jahr 2008 und das explosive Wachstum von Android schufen die Voraussetzungen für eine echte Renaissance des Solitärs. Auf Touchscreens fühlten sich das Ziehen und Antippen von Karten völlig natürlich an. Entwickler konnten Animationen, Musik und Themen einbauen, die am Desktop unpraktisch gewesen waren. Die Einstiegshürde fiel auf null, denn Free-to-Play-Spiele, finanziert durch Werbung oder freiwillige In-App-Käufe, konnte jeder sofort herunterladen und spielen.

Solitär in der heutigen Mobile-Ära

Heute ist Solitär ein florierendes Mobile-Genre. Moderne Apps sind selten bloße digitale Nachbildungen von Kartenspielen. Über der eigentlichen Runde liegen tägliche Herausforderungen, saisonale Events, Belohnungssysteme, Bestenlisten und thematische Grafiken. Die Psychologie dahinter ist gewollt: Serien, Schatztruhen, Levelfortschritt und tägliche Login-Belohnungen sollen aus einem gelegentlichen Zeitvertreib eine Gewohnheit machen. Das solltest du wissen, auch wenn es dir Spaß macht.

Microsoft Solitaire Collection erschien im Oktober 2012 als kostenloser Download für Windows 8, das das ursprüngliche Spiel nicht mehr enthielt, und ist seit Windows 10 vorinstalliert. Die Windows-Version läuft also auch mehr als drei Jahrzehnte später noch. Daneben haben unabhängige Entwickler Solitär mit Match-3-Mechaniken, Rollenspiel-Geschichten und Merge-Puzzles kombiniert.

TriPeaks-Solitär hat sich als das Format herausgestellt, das am besten zum Handy passt, denn eine Kette aus Fingertipps fügt sich besser in eine kurze Spielrunde als ein Tableau mit sieben Spalten. Spiele wie Solitaire Castle Royal, das wir entwickeln, bauen auf dieser Kette eine Königreich-Geschichte und über 15.000 von Hand gebaute Levels auf.

Das Erbe des Solitärs für Kopf und Wohlbefinden

Solitär wird schon lange nicht nur als Unterhaltung, sondern auch als Gedankentraining geschätzt. Eine Partie verlangt, dass du einen Plan im Kopf behältst, Muster erkennst und ein paar Züge vorausdenkst, und viele Spieler empfinden das als beruhigend: eine klar umrissene Aufgabe, in der sich ein unruhiger Kopf sammeln kann.

Was die Forschung zeigt und was nicht, ist eine andere Frage, und die Antwort fällt bescheidener aus, als die meisten App-Store-Texte vermuten lassen. Unser Artikel Gesundheitliche Vorteile von Solitär geht die Belege durch.

Warum sich Solitär seit den 1780er-Jahren hält

Was ist das Geheimnis der außergewöhnlichen Langlebigkeit des Solitärs? Mehrere Eigenschaften greifen ineinander:

  • Für alle zugänglich: Keine Sprachbarriere, kein Gegner nötig, kaum Ausrüstung.
  • Anspruch nach Maß: Von einfachen Varianten für Kinder bis zu teuflisch komplexen Versionen für Experten.
  • Emotionale Befriedigung: Eine Partie zu Ende zu bringen, vor allem eine schwierige, ist eine echte Belohnung.
  • Anpassungsfähigkeit: Jede neue Technik hat Solitär wie selbstverständlich aufgenommen, vom gedruckten Regelbuch über den PC bis zum Smartphone.
  • Eine zeitlose Grundmechanik: Mit überlegten Zügen Ordnung ins Chaos zu bringen, ist eine zutiefst menschliche Befriedigung, die nie alt wird.

Von deutschen Spielesammlungen der 1780er-Jahre über viktorianische Salons und Büro-PCs der 1990er-Jahre bis zu den Handys von heute ist Solitär auf jede neue Plattform umgezogen, die aufkam, und nichts deutet darauf hin, dass es damit aufhört.

Bemerkenswert ist, dass Solitär nie Werbung gebraucht hat. Es verbreitete sich, weil es so wenig verlangte: ein Kartenspiel, eine Person, eine ebene Fläche. Jede Plattform seitdem hat einfach einen weiteren Punkt von dieser Liste gestrichen. Das aktuelle Kapitel erzählt unser Artikel Warum TriPeaks-Solitär so beliebt ist.

Häufig gestellte Fragen